Gebären können – Lust und Last von Frauen

Die Bandbreite feministischer Positionen ist groß. Die Einen begrüßen die neuen Gen- und Reproduktionstechnologien euphorisch und verstehen sie als eine Erweiterung weiblicher Selbstbestimmung. Weibliche Biologie wird von ihnen prinzipiell negativ bewertet. Sie gilt als Grundlage für die Unterdrückung von Frauen überhaupt und muss überwunden werden. Allerdings müssen dafür politische und kulturelle Bedingungen geschaffen werden, diese Aneignung für die eigenen Zwecke möglich machen.

Im Vordergrund der Kritikerinnen der Angebote stehen die existierende Bevormundung und Beschneidung weiblicher Selbstbestimmung: gesellschaftliche, wirtschaftliche  Machtverhältnisse auf der Grundlage der  Vorherrschaft des Männlichen gegenüber dem Weiblichen (als soziale Kategorien). Die Techniken sind demnach ein Ausdruck dieser Vorherrschaft, Teil des Problems und nicht deren Lösung. Sie schließen demnach eine Nutzung zugunsten der Frauen aus und sorgen für die Enteignung weiblicher Fortpflanzungsfähigkeiten.

Ein Indiz dafür ist, dass Frauen-Körper in der Debatte oftmals überhaupt nicht vorkommen, seltsam körperlos ist von "Schwangerschaften" die Rede. Über Embryonen wird gesprochen und übersehen, wo diese ihren Ursprung haben: im Körper von Frauen.

 

Hauptsache selbst bestimmt

Der Kampf um Selbstbestimmung hat seine Wurzeln im Bestehen auf grundlegenden Menschenrechten auch für Frauen. Er definierte sich als politischer und kollektiver Begriff über die Abwehr von Fremdbestimmung und Herrschaftsansprüchen.

Im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin wird Selbstbestimmung anders gedeutet und zudem mit Konzepten vom "Recht auf Wissen"  sowie der "Informierten Entscheidung" verbunden.
So bedeutet Selbstbestimmung nun individuelle Interessensverfolgung und Bedürfnisbefriedigung, die Wahlfreiheit auf dem Markt der Möglichkeiten.  Der Selbstbestimmungsbegriff wird auffallend von denen ins Feld geführt, die Interesse an der Entwicklung und Nutzung der Techniken haben und die Frauen dafür brauchen. Oder von den die Entwicklung begleitenden EthikerInnen oder JuristInnen.

Dabei sind die Wahlmöglichkeiten in der Regel vorgeformt. Kinder haben zu wollen und – auch um einen hohen Preis – "gesunde" Kinder haben zu wollen kann frauenpolitisch auch gewertet werden als ein "systemkonformes" Verhalten.
Wo bleibt die Freiheit der Frauen, die einen anderen Weg gehen wollen, die nicht so "systemkonform" denken, fühlen, handeln möchten? Es muss erlaubt sein, Interessen einzelner Frauen in Frage zu stellen und sie mit gesellschaftlichen Folgen insbesondere für alle Frauen oder andere davon betroffene Menschen zu konfrontieren.

Das Wollen des Gesollten

Pränataldiagnostik ist ein Angebot und keine Pflicht, sie wird nicht als staatliche Zwangsmaßnahme durchgesetzt. Aber das Programm der vorgeburtlichen Untersuchungen und Tests ist auch das "Normale", wird ganz selbstverständlich angeboten und absolviert. Das Normale erzeugt Erwartungsdruck, das zu tun, was üblicherweise für das "Richtige"  gehalten wird. Wir wollen dann, was wir sollen, weil wir Angst haben, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.
Und Frauen, die Mütter werden, sind doppelt auf Unterstützung angewiesen, wenn sie zu der "Behinderung Kind" ein Kind mit Behinderung zu versorgen haben.
Wollen, was man soll (Keupp 1995), was die Norm ist, hat mit Autonomie und Selbstbestimmung wenig zu tun. Den Alltag der Anwendung beherrschen hierarchische Strukturen, Automatismen und Normen über Gesundheit und Behinderung. Und die "Risiken und Nebenwirkungen" tragen die Frauen, bei denen nicht alles gut verläuft. 

Die gesellschaftlichen Folgen und gesundheitlichen Schäden für Frauen werden ausgeblendet. Frauen sind konfrontiert mit der Anforderung, alles für die Geburt eines "gesunden Kindes" zu tun, aber auch mit dem Begehren, dass sie ihren Körper für "Spenden" - Eizellen/Embryonen - und zur Forschung zur Verfügung stellen. Die Verengung  auf Selbstbestimmung nimmt die Verhältnisse nicht zur Kenntnis.  Es wird unsichtbar gemacht, dass Einzelne im Rahmen dessen handeln, was gesellschaftlich als richtig gilt und sie diese Normen auch mitprägen und damit den Rahmen für andere und ihre Freiheiten und Möglichkeiten für ein selbst bestimmtes Leben schaffen.

Illusion Gleichstellung

Techniken der Kontrolle und Eingriffe in weibliches Erleben wie Schwangerschaft und Geburt weiten sich aus. Von der Ausschaltung der Menstruation über Kaiserschnittentbindungen ohne medizinische Notwendigkeit und des Matching von passenden Eizellen und Samen mittels Eizellbanken bis hin zum  "social freezing". Letzteres kann aktuell offensichtlich generalsstabsmäßig vermarktet werden.

Die Medien nehmen die Angebote in der Regel in einer erstaunlich unkritischen Weise auf. Dabei sind es die real existierenden Verhältnisse, die es Frauen so schwer machen, Kinder und gesellschaftliche Teilhabe, etwa Teilhabe am Arbeitsmarkt, zu vereinbaren. So aber geht es nicht mehr um die Veränderung von Verhältnissen, sondern um Anpassung von Frauen-Körpern. 

Das Netzwerk kritisiert

Zu den angesprochenen Themen und darüber hinaus haben sich viele Frauen und Frauenverbände vor allem in der bundesweiten Diskussion um die Jahrtausendwende kritisch zu Wort gemeldet. Theologinnen und Philosophinnen weisen auf die Bedeutung von Leiblichkeit für das Mensch-Sein hin.

ReproKult, eine feministische Initiative hat vor allem die soziokulturellen Folgen im Blick, der AKF e.V. als interdisziplinärer Zusammenschluss von Gesundheitsfachfrauen setzt sich seit vielen Jahren gegen eine Medikalisierung von Frauen ein und Berufsfachverbände aber auch einzelne PraktikerInnen haben die sehr konkreten Belastungen, Schädigungen und Spätfolgen der Techniken beschrieben und sichtbar gemacht.

Links und Materialien