Gesundheit – Ein Heilsversprechen als Ware

Die Angebote zur Suche nach besonderen Merkmalen und Beeinträchtigungen eines erwarteten Kindes sind Teil eines wachsenden Gesundheitsmarktes. Gesundheit ist ökonomisiert – das erfährt jede und jeder spätestens dann, wenn medizinische Hilfe nötig ist: ÄrztInnen wandeln sich in dieser ökonomischen Logik zu AnbieterInnen von Dienstleistungen und PatientInnen zu KundInnen.
Wo das Leben zum individuellen Projekt geworden ist, wird Gesundheit zur Ressource, um sich selbst gut vermarkten zu können. Kinder werden zum Teil eines solchen Projektes. Angebot und Nachfrage ufern in diesem Gesundheitssystem vor allem deshalb aus, weil sich pränatale Untersuchungen marktförmig - über Angebot und Nachfrage - ausbreiten.

Der 2. Gesundheitsmarkt mit privat finanzierten Produkten und Gesundheitsleistungen wächst. Frauen bekommen hier Angebote, die auf ihre Wünsche und Fragen rund ums Kinderkriegen zugeschnitten sind. Anbieter der Techniken sind zunehmend Wirtschaftsunternehmen, Pränatal- oder andere als Zentren organisierte Praxen. Sie arbeiten mit Systematiken, die wenig mit den Bedürfnissen von schwangeren Frauen zu tun haben.

Auf der anderer Seite der ökonomischen Logik des Marktes steht die  Anspruchshaltung der KundInnen – auf kostengünstige, fehlerfreie Produkte und den Wunsch, immer das Neueste zu bekommen. In dieser Logik wird das Produkt – die Schwangerschaft – das gesunde Kind – zur Ware, und zu einer Pflicht, der sich auch die Frauen, die die Angebote für sich nutzen, nicht entziehen können.

Verwertungsinteressen in Wissenschaft und Forschung

Weil Forschung als Konjunkturmaschine funktionieren soll, legt die Bundesregierung insbesondere in den sogenannten Biowissenschaften seit vielen Jahren immer neu benannte Fördermaßnahmen und –programme auf. Mit ihnen werden nicht nur Biotechnologie-Unternehmen bei der Entwicklung neuer pränataler Diagnosemethoden aus Steuermitteln unterstützt – so etwa die Firma LifeCodexx und ihr pränataler Bluttest auf das Down-Syndrom – auch öffentliche Forschungseinrichtungen an Universitäten unterliegen der mit der Förderpolitik transportierten Logik des Standortes und der Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen. Diese marktförmige Forschung schafft ein immer größeres Angebot an Untersuchungsmethoden und Risikotests.

Individuelle Gesundheitsleistungen (IgeL)

IGeLeistungen hat es nicht immer gegeben. Bis zu den 1990-er Jahren war es für MedizinerInnen selbstverständlich, die Diagnosemöglichkeiten und Therapien anzubieten und anzuwenden, die als Kassenleistungen und damit als medizinisch notwendig anerkannt waren. Mit der Einführung dieser Erweiterung, die vor allem dazu diente, die Verdienstmöglichkeiten der Praxen zu erweitern, hat sich die Palette der selbst zu zahlenden Angebote immer mehr erweitert. Gerade in der Schwangerenvorsorge, die von Fachleuten auch in ihrer Sinnhaftigkeit – Schwangerschaft ist keine Krankheit – kritisiert wurde, sind die besonderen Angebote gut verkäuflich. Wollen doch Frauen/Paare das Beste für ihr Kind.

 

Werbung ist keine Information

Sucht man z.B im Internet nach Informationen zu vorgeburtlichen Untersuchungen und Tests, bekommt man vielfach Werbung für gerade diese Angebote. Wenn sie Teil dessen sind, wovon eine Spezialpraxis z.B. geschäftlich lebt, wird medizinische Aufklärung mit Werbestrategien fürs eigene Geschäft auf ungute Weise vermischt. Für Frauen/Paare aber auch Fachleute, die Aufklärung und Informationen suchen, ist diese Vermischung verdeckt, weil sie medizinisches Handeln erwarten und brauchen.