Es ist Selektion

Ein großer Teil der vorgeburtlichen Untersuchungen und Tests sucht nach Hinweisen auf mögliche "Behinderung" beim Kind. Weder sind Aussagen möglich, wie die Diagnose sich beim Kind individuell ausprägen wird, noch gibt es in den meisten Fällen therapeutische Möglichkeiten in der Schwangerschaft. Auch für die Planung einer sicheren Geburt ist das Wissen zumeist nicht relevant. Sie soll schwangeren Frauen/Paaren Wissen bieten, damit sie entscheiden, ob sie das Kind so noch bekommen möchten oder nicht. In vielen Fällen zielt das Angebot auf die Verhinderung der Geburt von Kindern mit  den gesuchten "unerwünschten" Merkmalen (Behinderung/Beeinträchtigung). Deshalb sprechen wir im Netzwerk von selektiven Methoden und von Selektion.

Gemeint ist hiermit die gesamt-gesellschaftliche Wirkung einer in der Begleitung aller schwangeren Frauen verankerten Suche nach "Behinderungen". Individuelle Wünsche nach "gesunden" Kindern werden zu gesellschaftlichen Standards und Selbstverständlichkeiten, mit denen alle Menschen leben müssen, ob sie wollen oder nicht. 

Ethische Fragen

Die selektive Ausrichtung vieler vorgeburtlicher Tests und Untersuchungen wirft ethische Fragen auf.
Zum Einen geht es dabei um die Diskriminierung von Menschen, die mit den Beeinträchtigungen leben, nach denen vorgeburtlich gesucht wird. Ihre kulturelle Anerkennung steht in Frage.
Zum Anderen geht es um die rückhaltlose  Annahme eines Kindes, wenn es auf die Welt kommt, ohne dafür Bedingungen zu stellen.
Darüber hinaus wird diskutiert, was die Umsetzung eines solchen selektiven Programms in der Schwangerenvorsorge und die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen insbesondere nach Lebensfähigkeit des Kindes für die daran Beteiligten bedeutet.

Von Ethik, Ethikräten und Ethikkommissionen

Es gibt sie überall, die Ethikräte und Kommissionen: im Bund, auf Länderebene, in den Kliniken, in Fachgesellschaften oder als wissenschaftliche Institute. Zumeist arbeiten sie sich an Gegebenheiten und Fragestellungen ab, die die Technikentwicklung vorgeben. Oft geht es um Ausweitungswünsche, die sich aus den Technikentwicklungen ergeben. Also um die Frage, ob nun erlaubt werden sollte, was bis dahin verboten war oder doch zumindest gesellschaftlich als unerwünscht galt.

Ethik wird in diesen Kontexten ExpertInnen zugeschrieben – auch wenn es um Fragen der konkreten Lebensgestaltung geht, die alle angehen und zu denen alle etwas zu sagen haben. Diese Form des  Ethikdiskurses zielt auf Konsens oder auf praktikable Anwendung von problematischen Methoden. Dabei geben ExpertInnen vor, neutral zu sein, keine Politik zu machen – aber mit ihren Ergebnissen und Befunden wird sehr konkret Politik gemacht.

Selektion schon vor der Schwangerschaft

Präimplantationsdiagnostik (PID) ist die Testung von Embryonen, die bei künstlicher Befruchtung entstehen. Sie wird außerhalb des Frauenkörpers, vor der Implantation, durchgeführt. Nach dem Embryonenschutzgesetz ist sie in Deutschland nicht zulässig. Es gibt aber inzwischen gesetzlich definierte Ausnahmen von dem Verbot.
Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht wie die Pränataldiagnostik eine "negative Selektion", also eine Sektion aufgrund unerwünschter Merkmale, aber auch eine Auswahl zwischen mehreren Embryonen, eine sogenannte "positive Selektion". Ähnlich der Entwicklung in der Pränataldiagnostik ist eine Ausweitung sehr wahrscheinlich.

 

Alte und Neue Eugenik

Die vorgeburtliche Suche und Testung hat auch bevölkerungspolitische Aspekte. Allerdings werden diese kaum ausgesprochen oder sogar geleugnet. Kosteneinschätzungen werden nicht mehr, wie bei der Einführung von Pränataldiagnostik, öffentlich thematisiert.

Pränatale Untersuchungen haben aber Geschichte. Die ungebrochene Fortsetzung der Arbeit führender Genetiker nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus ist belegt. Inzwischen sprechen wir von neuer Eugenik. Sie wird  nicht über staatliche Zwangsmaßnahmen, sondern über gesellschaftliche Übereinkünfte und entsprechend individuelle Entscheidungen durchgesetzt. 

 

Das Netzwerk fordert

Das Angebot der Pränataldiagnostik soll im Gendiagnostik-Gesetz auf Krankheiten und Beeinträchtigungen beschränkt werden, die unmittelbar (Schwangerschaft, Geburtsablauf, erste Zeit mit dem Kind) zu Behandlungen, zu Verbesserungen führen.
Politik muss das selbstverständliche Angebot von Untersuchungen mit selektiver Ausrichtung aktiv beenden. Dies muss in den Mutterschafts-Richtlinien umgesetzt werden.
Die IGeLeistungen (selbst zu zahlende Gesundheitsleistungen) sind zu überprüfen und Frühscreening zurückzudrängen.
Wir fordern, keine staatlichen Mittel für Forschungen an selektiven Methoden zur Verfügung zu stellen, wie dies z.B. beim sogenannten Bluttest der Fall war.
Die medizinische Praxis später Schwangerschaftsabbrüche soll auf den Prüfstand und der Fetozid bei Lebensfähigkeit verboten werden.

Das Netzwerk hat im Fachausschuss zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) Pränataldiagnostik und PID thematisiert. Viele der Vorschläge hat der Inklusionsbeirat in seiner Stellungnahme zur Bioethik aufgenommen.

Links und Materialien