Frankfurter Erklärung zur vorgeburtlichen Diagnostik

Besorgt sehen wir die routinemäßige Ausweitung vorgeburtlicher Diagnoseverfahren im Rahmen des üblichen Schwangeren-Check-ups. Die Mehrzahl der pränatalen Tests dient nicht dem guten Fortgang einer Schwangerschaft, sondern der gezielten Suche nach Normabweichungen des Fötus. Diese Entwicklung hat sich vollzogen, ohne die Implikationen für unser gesellschaftliches Zusammenleben, für behinderte Menschen und für die einzelne Frau wahrzunehmen und öffentlich zu debattieren. Die Folgen: vorgeburtliche Selektion wird zunehmend kulturell akzeptiert; behinderte Menschen und ihre Familien werden immer stärker ausgegrenzt; soziale Verantwortlichkeiten werden neu definiert. Es wird suggeriert, daß "gesunde" Kinder machbar sind, und die Frau wird verantwortlich gemacht, wenn das Kind krank oder behindert auf die Welt kommt. Gegen diesen "Mythos der Machbarkeit" mit all seinen Irrationalitäten wenden wir uns entschieden. Schwangerschaft ist für uns ein lebendiger Reifungsprozeß, der nicht der medizinischen Überwachung, sondern kompetenter Begleitung bedarf. 

Ziele des Netzwerks sind, den gesellschaftlichen Diskurs anzuregen, einen anderen Umgang mit Schwangerschaft zu fördern und die Pränataldiagnostik zurückzudrängen. Dies soll durch politische Einflußnahme, durch die Initiierung und Förderung unabhängiger Beratung und die Entwicklung von alternativen sozialen Lösungen geschehen. Das Netzwerk ist ein Netzwerk von Beratenden, Gruppen, Institutionen und interessierten Einzelpersonen.

Gemeinsame Grundlagen

Der frauenspezifische Blick

Wir verstehen Schwangerschaft als weibliches Potential. Schwangerschaft ist ein Prozeß, der sich auf der körperlichen, seelischen und sozialen Ebene vollzieht. Frauen müssen ihre Schwangerschaft selbst bestimmen und gestalten können. Nicht das Ungeborene oder gar politische Zielsetzungen, sondern die Frau als Subjekt soll im Zentrum der Schwangeren-Vorsorge stehen.

Medizin und Gynäkologie

Die gängige medizinische Praxis ist nicht auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet. Die zunehmende Technisierung führt zur Entfremdung von sich selbst. Die Frauen werden in ihrer eigenen körperlichen und seelischen Kompetenz weder wahr- noch ernstgenommen. Dadurch werden Frauen verunsichert, körperliche und psychische Komplikationen können entstehen. Oft werden den Frauen zweifelhafte Therapien angeboten, oder es werden unnötige Eingriffe vorgenommen. Zunehmend werden Frauenkörper zu Forschungszwecken ausgebeutet. Wir verurteilen die medizinische Sicht von Schwangerschaft, die die "gute Hoffnung" zu einem risikoträchtigen Zustand erklärt. Durch die permanente Überwachung der Schwangeren werden oft erst Risiken erzeugt.

Pränataldiagnostik als Teil dieser Medizin

Pränataldiagnostik ist überwiegend fremdnützig. Sie hat nur scheinbar das individuelle Selbstbestimmungsrecht der Frau zum Ziel. Was als persönliche Freiheit daherkommt, wird zur Verantwortung für die Qualität des Kindes und endet als soziale Pflicht. Die Schere zwischen diagnostizierbaren Auffälligkeiten und Therapiemöglichkeiten geht immer weiter auseinander. In ihrem selektiven Ansatz liegt die vorgeburtliche Diagnostik jenseits des ärztlichen Heilauftrages. Durch verfeinerte und früher einsetzende Diagnoseverfahren wird die Hemmschwelle zur Inanspruchnahme dieser Diagnostik herabgesetzt und der Nutzungszwang immer größer. In der vorgeburtlichen Diagnostik werden gesellschaftliche Probleme und Verantwortlichkeiten auf die einzelne Frau abgewälzt. Sie wird sowohl mit einem Schwangerschaftsabbruch, d.h. bei einem Abbruch nach dem dritten Monat einer eingeleiteten Geburt, wie auch mit der Verantwortung für ein behindertes Kind alleingelassen.

Behinderung und behinderte Menschen

Der Umgang mit behinderten Menschen muß sich an den Prinzipien von Selbstbestimmung, Partizipation und Integration orientieren und nicht an einem Kosten-Nutzen-Denken. Vorgeburtliche Diagnostik verstärkt die Tendenz, sozialpolitische Probleme technisch lösen zu wollen. Behinderung ist weniger ein individuell-medizinisches Problem als vielmehr ein gesellschaftliches. Das Angebot der vorgeburtlichen Diagnostik verstärkt eugenische Tendenzen in der Bevölkerung und wird zu einem Instrument einer "Eugenik von unten". Wir verurteilen jede Ausgrenzung und Normierung von Menschen, die durch vorgeburtliche Diagnostik begründet, vorangetrieben und auf eine scheinbar objektive Grundlage gestellt werden. Es ist normal, daß Menschen verschieden sind. Alle Menschen haben das gleiche Lebensrecht und damit Anspruch darauf, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Dazu gehört auch, daß Frauen mit Behinderungen ein Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt haben.

Umsetzung und Forderungen

Auf der gesellschaftlichen Ebene beziehen wir eine kritische Position zur vorgeburtlichen Diagnostik und zur Humangenetik. Wir benennen die gesellschaftlichen Entwicklungen und Konsequenzen und ergreifen eindeutig Partei für Menschen mit Behinderungen. Dies geschieht u.a. durch Fortbildung von Berufsgruppen und anderen Interessierten. Ziel des Netzwerkes ist Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit und ein kritischer Austausch mit Einrichtungen und Institutionen, die in diesem Bereich tätig sind. In diesem Sinne wollen wir politisch Einfluß nehmen. Das Beratungsangebot, das wir fordern, richtet sich an Frauen, Männer und Paare, die mit vorgeburtlicher Diagnostik und/oder ihren Folgen konfrontiert sind oder waren. Es ist parteilich für Frauen, vertraulich und muß unabhängig von medizinischen und humangenetischen Einrichtungen sein. In der Beratung wird der Risikobegriff in Frage gestellt. Frauen, Männer und Paare sollen in ihren Möglichkeiten und Sicherheiten, in ihren Fragen und Widerständen wie in ihrer Entscheidung ernstgenommen und gestärkt werden. Sie sollen unterstützt werden, sich dem gesellschaftlichen Druck nach Normanpassung zu widersetzen. Ihnen sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie man mit einem behinderten Kind leben kann. Für diese gesellschaftlich notwendige Arbeit ist eine finanzielle Absicherung nötig. Wir setzen uns für eine Schwangeren-Vorsorge ein, die sich nicht an Risiko und Technik orientiert, sondern die schwangere Frau in den Mittelpunkt stellt und sie begleitet. Wir setzen uns für ein gleichberechtigtes Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen ein. Dazu sind ausreichende, umfassende und nichtaussondernde Unterstützungsangebote und Hilfen für behinderte Menschen und ihre Familien notwendig. 

Frankfurt/Main, den 09. September 1995